Titel der Originalausgabe

RUNA
„Die letzten Tage“

Copyright © 2011 by Tom Schopper
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe by
Tom Schopper
Umschlaggestaltung: Manfred Zechmann
zcommunications, Wien
Gesetzt in der Bookman Old Style
Druck: CPI Moravia

ISBN: 978-3-902326-80-5
www.runa-epos.com


Der Beginn



  Igyr, Igürs Sohn, blickt in den blauen Himmel. Die saftgrüne Sommerwiese reicht ihm bis zu den Knien, die Blumen duften und die Vögel singen ihre Freude heraus. Eine leichte Brise lässt Igyrs langes weißes Haar fahnengleich im Wind wehen.
  Die Zwillingssonne von Midgard II scheint in sein von einem langen Leben gezeichnetes Gesicht.
  In der Ferne sieht Igyr, Igürs Sohn, eine große Gruppe von Menschen in der Wiese im Kreis sitzen. Hinter den Menschen sitzt eine größere Gruppe Asen-Jünglinge mit Bartflaum, die - so scheint es - alle auf einen besonderen Gast warten.

  So wie jedes Jahr zum Litha-Fest, dem längsten Tag der Sommersonnenwende, erzählt der weiseste Asenkrieger und Forscher die Geschichte der Menschen und die der Asen vom Anbeginn der Schlacht von Midgard, der Tage von Ragnaröck. Damit niemals wieder die Saat des Bösen in ihnen aufgehen soll und auch um die Helden der damaligen, dunklen Zeiten zu ehren, damit sie niemals in Vergessenheit geraten.

  Igyr, Igürs Sohn, betritt lächelnd den etwa hundert Meter großen Kreis, in dessen Mitte er stehen bleibt. Er blickt in die Runde, verneigt sich und nimmt wortlos Platz.
  Die Menge blickt ihn an und alle verneigen sich kurz.
  Ein Jüngling mit blondem Haupthaar trägt ein großes, in weißes Leder gebundenes Buch herbei und legt es vor Igyr auf die Wiese.
  Eine klare und tiefe Stimme durchbricht das Schweigen.
  „Ich danke dir, Rogin, Ragnars Sohn. Komm, setz dich neben meiner.“
  Der Jüngling mit dem ebenmäßig schönen Gesicht der Asen nimmt neben Igyr Platz.

  „Wie es zu Litha seit eher Brauch ist, haben wir uns auch heute wieder hier auf Fafnirs Wiese versammelt, um zu hören, was geschrieben und zu lernen, was geschehen. Höret und lernet, denket und handelt, doch niemals mögt ihr über euren Nächsten urteilen. Seid nun bereit zu hören, was damals geschah.“
  Er blickt in die Runde, dann fährt er fort:
  „Und um den Einen zu ehren, der seinen Geist für uns opferte. Hollodero!“
  Die Asen und Menschen erheben sich und alle rufen, dass es noch weit in der Ferne schallt:   „Hollodero, Hollodero!!!“, dann setzen sie sich wieder und sehen Igyr, Igürs Sohn, an.

  Dieser beugt sich vor und hebt mit einem Stöhnen das große, dicke Buch von Midgard auf seinen Schoß und schlägt die erste Seite auf.
  In dicken Runen auf Tausenden Seiten liegt die Geschichte von Midgard vor ihm.

  „Ich, Igürs Sohn, habe die Ehre, euch das erste Buch der Geschichte von Midgard und die des Asenreiches zu erzählen, damit ihr niemals vergessen werdet. Damit ihr die heiligen Runen zu verstehen beginnt und damit ihr euren Nächsten zu hinterfragen lernet. Dies ist die Sage der Helden, Krieger und Opfer. Aber es ist auch die Geschichte der Täter ... vergesst niemals!“

April 2090 Erdzeit …



Kapitel 1

„Die Ankunft“



„Manchmal entscheidet nur die Sichtweise über die Wahrheit.
Nur wo soll ich stehen, um die Wahrheit zu sehen?“


  Als das gigantische Dimensionsraumschiff WALHALL den Hyperraum, nahe dem Planeten Ümer, verließ, erschütterten Gravitationswellen den Raum, welche noch am Ende dieses Sonnensystems am Rande der Milchstraßengalaxie spürbar waren.

  Ümer war ein massereicher Planet, unwirtlich für alle Lebensformen, da er nur aus Helium und Wasserstoff bestand. Eigentlich war er eine nicht gezündete Sonne. Ganz wie sein kleiner Bruder, den die Menschen Jupiter nannten.

  Die Walhall ähnelte einem riesigen Drachen. An der Spitze lag das Kommandozentrum, welches oval und an der breitesten Stelle über 500 Meter breit und etwa einen Kilometer lang war. Darauf folgte eine gewaltige Röhre von fünf Kilometern Länge, die in dem Mannschafts- und Antriebsraum am Ende des Schiffs endete. Auf beiden Seiten dieses etwa zehn Kilometer großen Körpers ragten ebenso lange Flügel heraus, die der Stabilisation durch den Wurmlochflug dienten. Dieses Wurmloch wurde von den gigantischen Reaktoren inmitten des Antriebsraumes erzeugt. Die Masse- und Gravitationskrümmer saßen jeweils auf den Enden der beiden Flügel.

  Auf der Walhall gingen die Lichter an und erhellten den Kommandoraum, in dem sich drei Körper zu materialisieren begannen. Reisen durch die Dimensionen waren für lebende Organismen überlebbar, indem sich die Körper vorher in alle Bestandteile, also in die DNA, zerlegten. Im Bordcomputer wurden die Daten gespeichert und danach bioenergetisch wieder zusammengesetzt. Der Computer wiederum wurde durch den sogenannten X-Raum geschützt, der am „Kreuzpunkt“ von Lisiwellen entsteht. Hier hat Raum und Zeit seine Bedeutung zwar nicht ganz verloren, aber sie ist so extrem verlangsamt, dass Atome und Moleküle den Höllenritt durch alle Dimensionen unverändert überstehen.

  Innerhalb weniger Sekunden materialisierten sich drei Körper, zwei männliche und ein weiblicher, im Kommandoraum der Walhall.
  „Alle wohlauf?“, fragte die größere der Gestalten, ca. zwei Meter groß, dunkle, schulterlange Haare mit rauschendem Vollbart, der vom Kinn bis zur Brust reichte. Ihre hellen blauen Augen sahen in die Runde.
  „Also, ich werde mich nie an die Wurmlochreise gewöhnen, Commander Frey“, sagte die schwarzhaarige Schönheit mit den traurigen Augen, welche sich neben Frey materialisierte.   „War es das schon?“, lachte die letzte Gestalt auf der Brücke der Walhall.
  „Ach, Baldur, lass deine Bemerkungen“, entgegnete Frey, „kümmere dich lieber sofort um unsere Koordinaten, damit uns die Slepnir, welche uns durchs Wurmloch folgt, nicht zu nahe kommt!“

  Ein Wurmloch wird zur Raumkrümmung durch ein schwarzes Loch aufgebaut, das den Raum wie einen Sack zusammenzieht. Durch ein kleineres, schwarzes Loch wird die Raumzeit-Ebene am oberen Ende des „Sackes“ durchstoßen und so ein für kurze Zeit stabiles Wurmloch aufgebaut. Die Walhall ist der Stolz der Asenflotte und die Slepnir einer der größten Systemzerstörer im ganzen Multiversum.
  „Lt. Freya, nehmen Sie sofort Verbindung mit Capt. Thor von der Slepnir auf!“, rief Frey und wandte sich wieder seinen Apparaturen zu.
  Freya, die Schöne mit den traurigen Augen, legte ihre schlanken Finger auf das Pult vor ihr und drückte eine blinkende Taste.
  „Die Slepnir tritt in diesem Moment aus dem Wurmloch aus, Commander. Ihre Position ist eine Lichtsekunde hinter uns, Sir.“
  Lt. Baldur, schließen Sie das Loch und nehmen Sie visuellen Kontakt zur Slepnir auf“, sagte Frey missgelaunt wie zumeist und drehte sich zur hinteren Seite des Kommandoraums um, auf der sich nun eine weitere Gestalt zu materialisieren begann.

  Es war für Christian ein Tag wie jeder andere, beziehungsweise wie in den letzten drei Jahren seines etwas aus den Fugen geratenen Lebens. Der einzige Unterschied zu gestern war, dass ihm der Kaffee-Ersatz ausgegangen war und er den schalen Geschmack vom Alkohol der vorangegangenen Nacht im Mund hatte. Unmotiviert drehte er sich in seinem kleinen Bett um und stieß gegen einen nackten Körper.

  Meine Güte, was war das oder wer? Ihm fehlte, wie schon oft der Plan und die Erinnerung an das, was geschehen war.
  „Bitte lieber Gott, lass es eine Frau sein und die bitte optisch ansprechend“, murmelte er in seinen ungepflegten Fünftagebart.
Langsam richtete er sich auf und sah sich die Gestalt in seinem Bett genauer an. Weiblich, das war gut, etwas zu dürr. Bei seinem derzeitigen Aussehen durfte er keine allzu großen Ansprüche stellen. Früher war er einmal der „König der Besorger“ gewesen, wie es seine unzähligen Frauenbekanntschaften auszudrücken pflegten. Früher war er noch gut im Geschäft gewesen. Auf jeden Fall hatte er immer etwas zu essen und keine existenziellen Sorgen, welche ihm jetzt nur noch der Alkohol zu nehmen pflegte.
  Langsam richtete er sich auf und sah sich die Gestalt in seinem Bett genauer an. Weiblich, das war gut, etwas zu dürr. Bei seinem derzeitigen Aussehen durfte er keine allzu großen Ansprüche stellen. Früher war er einmal der „König der Besorger“ gewesen, wie es seine unzähligen Frauenbekanntschaften auszudrücken pflegten. Früher war er noch gut im Geschäft gewesen. Auf jeden Fall hatte er immer etwas zu essen und keine existenziellen Sorgen, welche ihm jetzt nur noch der Alkohol zu nehmen pflegte.
  Es war noch früh am Morgen und es war April. Viel zu dunkel, um genau zu sehen, welchen Hasen er sich da eingetreten hatte. „Hoffentlich haben sie den Strom noch nicht abgedreht“, dachte er sich und legte den Lichtschalter der Bettlampe um.
  Diffuses Licht einer 40 Watt-Lampe erhellte den Raum und er sah, dass das weibliche Wesen in seinem Bett eigentlich viel zu fesch für sein eigenes Aussehen war. Langes, dunkles Haar, das ihr bis zum Hintern reichte, ein liebliches Gesicht und herrliche Stehtitten, die seinen Schwanz wieder zum Stehen brachten.
  „Wenigstens funktioniert der immer noch“, dachte sich Chris und grinste breit.
  Was ein Wunder war bei den Alkoholmengen, die er in sich reinschüttete, um alles um sich herum zu verdrängen.
  Vergessen waren auch die schönen Gedanken und Erlebnisse seines Lebens. Nur der Moment zählte für ihn.
  Eigentlich hatte er sich trotz seiner 46 Jahren gut gehalten, jeder schätzte ihn mindestens zehn Jahre jünger ein. Aber er fühlte sich um zwanzig Jahre älter, eine etwas aus der Bahn geratene Sichtweise.
  Da bewegte sich die Schöne neben ihm und fasste ihm auf den Schwanz.
  „Gut geschlafen, Meister?“, zirpte sie mit müder Stimme.
  „Ach, verpiss dich, zieh dich an. Ich mache dir einen Tee und dann ab mit dir“, fuhr er sie an. Ja, Freundlichkeit war nicht mehr seine Stärke. Sie hatte sicher ihren Spaß gehabt und er konnte sich nicht mehr daran erinnern. Optimaler geht es ja nimmer, dachte Chris. Er bemerkte auch nicht, wie die schöne Dürre weinend aus dem Bett sprang, sich halb anzog, den Rest ihrer Sachen auf ihren dünnen Arm warf und aus der kleinen, unaufgeräumten Wohnung flüchtete.
  „Weiber!“, dachte Chris und stand mühsam auf, denn sein Kopf quittierte jede Bewegung mit stechenden Schmerzen.
  Mit schlürfenden Schritten bewegte er sich in sein Badezimmer, stieg über die Wäscheberge, welche den Eingang fast versperrten. Als er vor dem Spiegel stand, traf ihn fast der Schlag.
  „Auf so eine traurige Gestalt fahren also die Frauen ab, sensationell!“
  Wie aus dem Nichts begannen plötzlich die Fensterscheiben zu klirren und es schien, als würde das ganze Haus erbeben. Überall begannen die Alarmsirenen, ausgelöst von übersensiblen Bewegungsmeldern, zu plärren.
  Chris hielt sich die Ohren zu, denn das war eindeutig zu viel für Freund Kater, der noch massiv in ihm steckte. Er ging auf die Knie und wippte im Takt der Sirenen, in der Hoffnung sie dadurch weniger zu spüren.

  In Lhasa, der Hauptstadt von China-Tibet, räumten die chinesischen Besatzer gerade die Leichen der vergangenen Nacht weg, als es über ihren Köpfen donnerte und der Erdboden zu beben begann.
  i Chuen von der Volksarmee sah mit großen Augen zum „Denkmal des Großen Vaterländischen Krieges gegen Tibet“, das bedrohlich wankte.
  In Tokio fiel der Strom so schnell aus, wie die Erde zu beben begonnen hatte. Viele rannten aus ihren Gebäuden, da das letzte Erdbeben von 2088 noch in allzu frischer Erinnerung war. Im Hafen von Tokio liefen die Menschen Richtung Stadtzentrum, da sie einen Tsunami befürchteten.
  Im gesamten Alpenraum gingen schwere Lawinen ab und verschütteten Tausende Menschen. Ebenso in den Anden, Rocky Mountains, der Antarktis und entlang der Pyrenäen. In Österreich, der Schweiz und in Südtirol rundeten Felsstürze mit Schmelzwasser-Tsunamis das Inferno ab.
  In Washington D.C. und in Brüssel wurde wieder einmal Terroralarm gegeben. Weltweit schloss man sofort die Börsen. In Moskau fiel Genosse Lenin in seinem Mausoleum die Nase ab. Hätte M. Jackson noch gelebt, wäre seine mit Sicherheit die Erste gewesen. Hätte ... wäre ... das fiel im Mausoleum am Roten Platz keinem auf, denn die Leute stürzten in Panik aus dem Gebäude.
  Die Menschen vor dem Big Ben in London starrten zum Turm hinauf, denn die Glocken begannen leise zu summen. Dann erbebte die Erde und sie warfen sich reihenweise auf den Boden. Selbst die alles überwachenden Kameras in London City verharrten in der Bewegung.
  Am Potsdamer Platz in Berlin fielen ein paar Robots aus, welche den Verkehr auf den Gehwegen regulieren sollten. Sonst verhielten sich die Berliner ziemlich cool, denn sie waren ja schon einiges gewöhnt.
  In Wien stürzte der ewig renovierte Stephansdom ein und begrub 120 Menschen unter seinen Sandsteintrümmern. Der Kölner Dom, einige kleinere Kirchen und ältere Bauwerke weltweit ebenso.
  Global brachen die Funkverbindungen zusammen und alle Computersysteme stürzten ab. Selbst die Kommunikation zur großen Mondstation war unterbrochen. Kein Telefon, kein Internet, kein Ultranet, kein Funk … nichts.
  So schnell, wie der Spuk begonnen hatte, so schnell ging er auch wieder vorbei. Die Zeitungen am nächsten Morgen schrieben, dass es so war, als hätte die Erde ein Hammerschlag getroffen. Wissenschaftler, welche sich mit Kontinentalplattenverschiebungen beschäftigten, gaben kein klares Statement ab, was die Ursache für die weltweite Erschütterung gewesen war.
  Seit die „Welle“ die Erde heimgesucht hatte, war auch die Kommunikation zusammengebrochen, da durch massive Sonneneruptionen die Funkverbindungen gestört waren. Einige Dauerschwarzmaler der Wissenschaft sprachen sogar von einem existenziellen Treffer, den die Erdkommunikation abbekommen hatte.
  Computer begannen weltweit mit Systemneustarts, die Menschen warteten indes auf neue Befehle, die ihnen sonst die Computer gaben. Weltweite, alles beherrschende Konzerne riefen spontane Krisensitzungen zusammen, denn es wurde auch angenommen, dass die Krise von konkurrierenden Konzernen ausgelöst wurde. Auch die Konzernarmeen wurden in Alarmbereitschaft versetzt und der Rat der Konzernvereinigungen einberufen.
Dr. Sabine Berka von der Europäischen Raumfahrtbehörde glaubte zu träumen, als sie die Bilder von ihrem japanischen Kollegen Akira betrachtete. Akira hatte Minuten vor dem Ausbruch der Welle Bilder der asiatischen Raumsonde Hiroto ausgewertet.
  Die Hiroto war vor Jahrzehnten, angetrieben vom damals neuen Pulsar-Antrieb, in Richtung Pluto und des äußeren Sonnensystems geschickt worden. Das Ziel war damals die Entdeckung von Rohstoffen zur Energiegewinnung, aber auch die Kartografierung des bekannten Sonnensystems. Nachdem Hiroto den Eisplaneten Pluto und seine Monde Charon, Nix und Hydra passiert hatte, ging man auf der Erde davon aus, dass nun Jahrhunderte keine brauchbaren Infos mehr von der Sonde kommen sollten. Denn man nahm ja auf der Erde an, dass Pluto der letzte planetenähnliche Klumpen in diesem Sonnensystem war.
  Man vermutete zwar, dass ein weiterer massereicher Planet irgendwo da draußen sein sollte. Unterstützt wurden diese Thesen vom immer gleichen Zyklus einiger Kometen, denn irgendetwas musste diese Kometen wieder Richtung Sonne zurückschicken. Nur, selbst mit den besten Teleskopen auf dem Mond, ohne beeinflussende Atmosphäre, sah man nichts. Entweder war dort die Raum-Zeit so gekrümmt, dass ein freier Blick nicht möglich war oder die Wissenschaftler hatten bei der Erstellung dieser These eindeutig zu viel Marihuana konsumiert.

  Die Bilderserie von Dr. Akira zeigte fast zum Zeitpunkt des Ausbruches einen sehr hellen und extrem kurzen Lichtblitz, weit hinter Pluto.
  Dr. Berka verglich dazu auch die extreme Erhöhung der Gamma-, Neutrino- und Röntgenstrahlung zu diesem Zeitpunkt. Sollte dies alles zusammenhängen?
  Voller Sehnsucht blickte sie auf das Telefon, in der Hoffnung, dass das Licht endlich auf Grün ging und es wieder zu benutzen war. Sie hatte viele Fragen an Dr. Akira. Nervös schaltete sie den Fernseher ein, in der Hoffnung, nun endlich wieder einen Sender mit Empfang zu bekommen. Das Flimmern versetzte sie wieder in die Realität zurück. Arg, wie schnell die Menschheit wieder in die Steinzeit zurückfällt, dachte sie und ging zum Fenster. Aus dem 110. Stock hatte sie einen sagenhaften Ausblick auf die Stadt unter ihr. Berlin war in den letzten Stunden hektischer geworden. Überall Sirenen und Blaulicht, Truppen der Einheitsregierung, Konzernpolizei, welche Jagd auf Arbeitsverweigerer machte. Rettungsdienste und Feuerwehren hatten alle Hände voll zu tun, um die Schäden zu beseitigen und Ruhe und Ordnung wieder einkehren zu lassen.
  Die Computersysteme und Netze waren immer noch nicht zur Gänze hochgefahren und die Menschen mussten wieder eines tun, was sie fast verlernt hatten: Sie mussten improvisieren und ihr Gehirn einschalten.
  Ihr Blick wanderte zum Himmel empor. Sie bildete sich ein, sogar Sterne am Himmel zu erkennen, was sonst durch die Licht- und Luftverschmutzung der Städte unmöglich war.

  Irgendetwas war da draußen, das spürte sie mehr als je zuvor, irgendjemand war gekommen, und Gänsehaut fuhr ihren Rücken herunter. Ihre Gedanken waren jetzt wieder bei ihrer kranken Mutter in Köln, welche sie zum Wochenende besuchen wollte. Würden die Sicherheitssysteme bis dahin wieder voll funktionstüchtig sein, damit der Flugbetrieb wieder aufgenommen werden konnte?

Sie hatte über einen Monat darauf gewartet, ihre Flugerlaubnis zu bekommen. Da die weltweiten Energiereserven nahezu erschöpft waren, wurden auch die Flüge limitiert. Wer keinen besonderen Bedarf nachweisen konnte und auch keine Kontakte zu den oberen Etagen der Konzerne hatte, durfte nur einmal im Jahr einen Flug auf den Kontinent unternehmen.

  Vor drei Jahren wurden auf dem Mond riesige Gasvorkommen entdeckt, doch der Transport zur Erde war ein sehr großes Problem. Daher war auch dieser Weg zur Energieunabhängigkeit ein sehr visionärer. Im Amazonasgebiet, wo früher der Regenwald beheimatet war, fanden sich unendlich große Soja- und Palmölplantagen, welche ausschließlich zur Energienutzung dienten. Die amerikanischen Felder lieferten, sofern es die Bewässerung zuließ, die Basis für Biosprit. Dr. Berka musste lachen. Biosprit, welch ein harmloses Wort für die totale Vernichtung des Planeten. Dürre, Hungersnöte, Klimakatastrophen, Orkane und Stringgewitter, das war der Preis für den Fortschritt gewesen.

  Nach dem zweiten Wasserkrieg wurden Österreich und die Schweiz von Wasserkonzernen besetzt, um die letzten Trinkwasservorkommen zu sichern. Natürlich weniger zum Wohle der Menschheit, als zum Wohle des eigenen Wohlstandes und der Macht der Nahrungsmittelkonzerne.
  An Österreich zu denken, war für Dr. Berka immer eine positiv verankerte Stimmung. Dort hatte sie die schönste Zeit ihres nun mehr 44-jährigen Lebens verbracht. Wien und die Berge der Alpen, das war die Mischung, die so faszinierend für Sabine gewesen war. Die Luft der Berge und Wälder, wie es wohl nun dort riechen mochte? Wie es heute dort wohl aussehen mochte? Eine Träne lief an ihrer Wange herunter. Sie drehte sich schnell um und ging wieder zu ihrem Schreibtisch, öffnete hektisch die oberste Lade, in der sich ihre Tabletten gegen den Verfall der guten Laune – wie sie es selbst bezeichnete – befanden.

  Langsam erhob sich Christian in seinem kleinen, abgefuckten Badezimmer. Sein Blick fiel auf sein Spiegelbild und das Abendessen kam ihm wieder hoch. Meine Güte, musste das gestern wieder eine Nacht gewesen sein, totaler Filmriss. Wenigstens war die Kleine, welche er vor Kurzem aus seinem Bett geschmissen hatte, eine Schönheit gewesen, ging ihm dabei durch den Kopf.
  Über der Waschmaschine lag seine Jeans. Er kramte seine Brieftasche heraus und sah nach, wie viel ihn der gestrige Abend gekostet hatte. Hoffentlich ist noch etwas über, dachte er sich und war sehr überrascht, dass er noch mehr als 30 Wee (Währungs-Ersatz-Einheiten) darin vorfand.
  „Wenn sich mein Kopf etwas beruhigt hat, werde ich etwas einkaufen gehen“, dachte er und zog sich die schmutzige Wäsche vom Vortag an. Mehr hatte er nicht zum Anziehen, denn der traurige Rest war in der Schmutzwäsche. Als er damit fertig war, schlurfte er zur Küche und drehte den Propangaskocher an, um sich heißes Wasser für den Kaffee-Ersatz herzurichten.
  Er hatte schon ganz vergessen, wie echter Kaffee roch und schmeckte. Seit den Handelsembargos gegen konkurrierende Konzerne aus den ehemaligen USA gab es kaum noch guten südamerikanischen Kaffee.
  Diesen erhielten nur noch die „Oberen“. Die Oberen waren Führungskasten von Konzernen und Politikern. Letztere vertraten schon seit Langem nicht mehr das Volk, sondern nur noch die Konzerne. Alle, die damals im beginnenden 21. Jahrhundert dachten, dass Politiker integer waren und das Volk repräsentieren, wurden von der Realität ganz schön eingeholt. Dachten die Bürger damals wirklich, dass die vielen Millionen, welche die Parteien zur Wahlkampffinanzierung von den Konzernen bekamen, Geschenke des guten Willens waren?
  Anscheinend dachten das wirklich viele. Nun waren die gesamte Schulbildung, Ausbildung, Polizei, Armee und Krankenhäuser Sache der Konzerne und nicht mehr des souveränen Staates. Eine globale Wirtschaftsregierung hatte sich etabliert. Früher klaffte die Kluft zwischen Arm und Reich mehr oder weniger weit auseinander. Jetzt gab es nur noch die „Armen“ und die „Oberen“, von den vielen Hoffnungslosen ganz zu schweigen.
  Da Chris auf das ganze Sklavengearbeite für ein paar Essensersatzbezugscheine einen „wohltemperierten“ fahren ließ, war es wieder mal an der Zeit etwas Essbares und Bons für die Wohnungsmiete zu besorgen.
  Meist ließ er sich auf Gelegenheitsarbeiten ein. Manchmal waren es auch Trainings, welche er bei kleinen Vereinen und Betrieben abhielt. Früher war er in den Alpen als Raftguide und Wanderführer tätig gewesen, aber seitdem die Lebensmittelkonzerne zum „Wasserschutz“ aufgerufen hatten, waren die Alpen für Individualtourismus gesperrt. Nach den Wasserkriegen war dort Sperrgebiet der höchsten Kategorie. Jeder, der sich dort ohne gültigen Konzernpass aufhielt, wurde sofort konzernrechtlich erschossen.
  „Irgendwann einmal kehre ich in die Berge zurück, koste es was es wolle“, dachte Chris und nahm das siedende Wasser vom Kocher.
  Seine Hände zitterten noch sehr unter dem Restalkoholeinfluss der letzten Nacht und er verschüttete die Hälfte des Wassers. Die kleinen Verbrennungen auf seiner rechten Hand bemerkte er gar nicht.
  „Scheiße, ich mag das, wenn der Tag so beschissen beginnt.“
  Die Verbrühungen des heißen Kaffee-Ersatzes auf seinen Lippen spürte er dafür umso mehr. Er donnerte die Alu-Kaffeetasse auf dem Tisch und der ausschwappende Kaffee hinterließ auf der Wand einen großen braunen Fleck.
  „Wäre das jetzt ein Rohrschachtest, ich würde ein Wikingerschiff darin erkennen“, ging es ihm durch den Kopf und er grinste so dämlich, wie nur er es konnte und das konnte er gut.
  „Willst du auch einen Kaffee?!“, rief er laut. Da bemerkte er, dass er alleine in der Wohnung war und er seine fesche Begleiterin der Nacht etwas unwirsch aus der Wohnung komplimentiert hatte.
  „Schas, ein Morgenfick wäre jetzt das Richtige für mein Ego“, eine späte Erkenntnis war besser als keine und er nahm sich vor, das nächste Mal etwas mehr nachzudenken, bevor er seine morgendliche Meinung kundtat. Der Hoffnung, dass die Schöne ihre Telefonnummer hinterlassen hatte, ging er nicht länger nach. Denn so dämlich war keine der Frauen, die er im Allgemeinen kennenlernte, dass sie nach so einer netten Morgenbehandlung noch weiteren Kontakt zu ihm suchten.
  Er ging zum Fenster, um zu sehen, ob sich der Tumult und die Sirenen schon gelegt hatten. Als er den schmutzigen, weißen Vorhang zur Seite schob, lachte ihm die Sonne ins Gesicht.
  „Wenigstens ist auf die dämliche Sonne Verlass“, murrte Chris. Seit dem Klimawandel waren die Frühlinge wie Hochsommer und die Sonne schien unbarmherzig auf Europa herab, während Asien und Amerika um diese Jahreszeit in Unwettern und Dauerregen versanken.
   In spätestens einer Woche würden, so wie jedes Jahr, die Wasserreserven für die „nicht arbeitende“ Bevölkerung stark beschränkt werden und einer Person nicht mehr als ein halber Liter am Tag zustehen. Das Wasser, das man auf dem Schwarzmarkt im Allgemeinen bekam, war sehr stark verschnitten und kam von den Kloaken außerhalb der Stadt. Selbst aus dem abgebrühten Kaffee schmeckte man noch die Kacke heraus.
   „Was soll`s?“, er zuckte mit den Achseln und drehte sich wieder vom Fenster weg. Schwankend ging er den kleinen Flur entlang, nahm seine auf einen rostigen Nagel gehängte Jeansjacke und öffnete seine Eingangstüre.
   Auf dem Gang begegnete er seiner älteren Nachbarin, welche ihm auf Krücken gestützt entgegenkam.
   „Das war ein ganz schöner Tumult vorhin, Herr Gorth. Wissen Sie, was da los war?“, fragte ihn die ältere Dame mit dem weißen Haupthaar.
   Chris nahm sich vor, zu seiner zweiten weiblichen Begegnung des heutigen Tages viel netter zu sein als zu der ersten. Er lächelte die Dame an und hob entschuldigend seine Schultern. „Sorry, Frau Weimer. Da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen, ich selbst bin auch gerade auf und das Radio schweigt, dürfte hinüber sein. Ich gehe in die Einkaufskommune, soll ich Ihnen etwas mitbringen?“
   „Das ist sehr lieb von Ihnen, aber ich warte noch auf meine Pensionsbezugscheine. Bis dahin komme ich noch mit meinen Reserven aus. Und Ihr Radio dürfte nicht defekt sein, Herr Gorth. Die Sendeanlagen sind ausgefallen, das haben zumindest die Leute auf der Straße gesagt. Ich hoffe, dass heute Nachmittag mein TV wieder geht, denn ich möchte meine Lieblingsserien nicht verpassen ...“
   Chris bereute mittlerweile seine Idee, freundlich zu sein, denn er hatte unter Restalkohol total vergessen, dass Frau Weimer alleinstehend und sehr redselig war.
   Oft kommt es knüppeldick und hätte sein Magen nicht so laut geknurrt und ihn damit wieder aufgeweckt, er hätte noch stundenlang bei Frau Weimer im Gang gestanden und sie dämlich angegafft. Mit einem „Sorry, ich muss nun lös“, verabschiedete er sich und ging schnellen Schrittes die zwei Stockwerke hinunter auf die Straße.
   Als er die Türe öffnete, schlugen ihm der Gestank und die Hitze der Großstadt entgegen. Es herrschte der Tageszeit entsprechend wenig Verkehr auf den Straßen. Die meisten Menschen waren aufgrund der Vorkommnisse daheim geblieben und warteten, bis wieder alles funktionierte. Da anscheinend auch alle Computer abgeschaltet waren, standen wieder Menschen in Uniform an den Kreuzungen und regulierten den Verkehr, der fast ausschließlich aus Rollern und strombetriebenen Kleinfahrzeugen bestand. Die Limousinen, welche man manchmal noch in der inneren Zone sah, waren hier am westlichen Stadtrand in der zweiten Zone sehr selten. Hier waren die Lebensräume der Arbeiter und Armen, da war selten jemand von den Oberen zu Besuch. Meistens schickten sie nur die Schleicher, um Arbeitsunwillige in die Herstellungszentren zu karren.
   Die Straßen waren mit Schmutz und Unrat übersät, die Menschen, welche ihm begegneten, hatten alle einen leeren Blick, den er aus seinem Badezimmerspiegel nur allzu gut kannte. Die meisten der Personen waren Ältere und Frauen mit Kindern. Die Männer hatten, um diese Zeit in den Betrieben und Fabriken zu sein. Betriebe, welche die Umwelt noch mehr schädigten und ihre Kinder zu Krüppeln machten.
   Die Zahl der Fehlentwicklungen im Mutterleib war viel größer, als von den Oberen publiziert wurde. Fast jedes zweite Kind hatte sichtbare Deformationen. Wie es im Kopf bei den anderen aussah, das konnte man nur erahnen. Die „Schulbildung“, welche die Arbeiterkinder der Armen bekamen, war eigentlich reiner Propagandaunterricht von den Konzernen. Mittlerweile konnte man nicht mal mehr am Schwarzmarkt Schulbücher aus dem 20. Jahrhundert bekommen. Es war, als wäre die Geschichte neu geschrieben worden. Wenige Alte wussten noch, wer was, wann und wo entdeckt hatte und wer für was verantwortlich war. Dass nicht die Tabakkonzerne die Erfinder des Gesundheitssystems waren und nicht die Wasserkonzerne das Wasser machten, dass es früher noch Gesetze gab, die vom Volk beschlossen wurden, dass der Mond nicht den Banken gehörte, weil sie die ersten Menschen auf dem Mond waren, usw.
   All die Alten, welche noch das Wissen aus vergangenen Zeiten in ihrem Gedächtnis hatten, wurden vom Computer ausgesucht und ins Ministerium für Bildung und Wissen eingeladen. Die, die nicht kamen, wurden abgeholt und diejenigen, die kamen, wurden ins politische Umerziehungslager der Einheitsregierung geschickt. Sagte man zumindest, denn wiedergesehen hatte sie keiner mehr.
   Darum fand Chris es gut, offiziell als Säufer und Taugenichts zu gelten. Er wollte sich sein Wissen um alte Zeiten nicht nehmen lassen, denn das war sein Zufluchtsort in seinem Kopf, wenn die Gedanken wieder mal allzu traurig wurden.

   Die Gestalt, welche sich auf der Kommandobrücke der Walhall materialisierte, war stattlicher Erscheinung: um die zwei Meter, blondes, schulterlanges Haar; stechende, hellblaue, alte Augen, das Gesicht eines 25-jährigen Jünglings, bartlos. Er war ganz in Schwarz gekleidet.
   Commander Frey ging sofort auf die Knie, Baldur und Freya folgten ihm auf der Stelle. „Willkommen Capt. Thor, Befehlshaber der Flotte von Asgard, Zerstörer der Trolle und Riesen von Wanahaim, Sohn des Gründers, Träger von Mylnar und Störer der Ruhe auf meiner Brücke“, sprach Frey mit einem schelmischen Blick.
   „Spaßig wie immer, mein alter Freund Frey. Wer von euch drei Komikern hat die Masse des schwarzen Loches berechnet? Unser Eintrittsknall war sicher noch auf Alpha Centauri zu spüren. Ich erwarte, dass so etwas in Zukunft nicht mehr passiert. Die Masse war viel zu viel für unsere zwei Schiffe. Wenn wir Glück haben, ist kein Paralleluniversum dabei entstanden. Wenn Odin das erfährt, kann sich der Schuldige und du gleich mit, Frey, einen neuen Job in den Minen von Modgnirir suchen. Haben wir uns verstanden?!“
   Thors Mine war ausdruckslos wie zuvor, als er in die Runde blickte. Als sein Blick auf Lt. Freya fiel, lächelte er ein wenig. So wenig, dass nur er und sie es bemerkten.
   „Ja, Capt. Thor, ich werde mich sofort darum kümmern. Darf ich nun unsere genaue Mission hier in diesem System erfahren?“
   „Ihr fragt euch sicher, warum so viel Geheimniskrämerei um unsere derzeitige Mission gemacht wurde und wir unsere zwei stärksten Schiffe quer durch die Universen schicken, voll besetzt mit unseren besten Kriegern? Da will ich euch mal in Kenntnis setzen, ich erwarte euch in einem Zyklus im Kommandoraum der Slepnir. Ende der Kommunikation!“

   Frey sah seinen Freund Thor etwas besorgt an, denn so förmlich kannte er ihn kaum. Da musste sicher etwas von größter Dringlichkeit passiert sein, dachte er sich, und seine Gelenke taten schon vom Knien weh.
  Thor verblasste wieder vor ihnen und alle drei Zurückgebliebenen sahen sich nachdenklich an, bis sie merkten, dass sie noch alle knieten, und irritiert aufstanden.
   „Das letzte Mal, als die Slepnir unter Thors Kommando mit einem Dimensionsraumschiff der Walhallklasse der ‚Skids Bladnar‘ auf Reisen ging, war das das Ende der Schlacht um Wanahaim. So gewaltig war die Kraft der Slepnir, dass ein einziges Schiff die Wanen abwehren konnte. Ich fürchte, auf uns wartet eine große Herausforderung, möge Odin uns beistehen“, sprach Baldur, dessen schönes ebenmäßiges Gesicht sehr besorgt wirkte.
   Freya massierte sich gerade die schmerzenden Knie.
   „Ich habe gehört, dass Odins Berater Mime an Bord der Slepnir gegangen sei“, warf sie mit leiser Stimme ein.
   „Dann ist Thor wenigstens gut beraten. Was mich nachdenklich stimmt, ist, dass du, liebe Freya, unsere Masse schlecht für den Wiedereintritt berechnet hast. Das war sicher ein großes Hallo in diesem Sonnensystem. Wenn unsere Ankunft unerkannt bleiben sollte, so ist sie es seit zwei Zyklen nicht mehr. Du hast das System gut aufgeweckt, Freya, machst du das noch einmal, dann lass ich dich im Mannschaftsraum Bettenkapazitäten ausrechnen“, tönte Frey grimmig und noch misslauniger als sonst.
   Freya senkte ihren Blick und ging wieder an ihr Steuerpult, um die Walhall auf den richtigen Kurs zur Slepnir zu bringen. Sie wusste, dass ihr Bruder Frey recht hatte. Es war ein Glück, dass hier keine Asgardfeinde auf sie lauerten, denn mit einem stillen und heimlichen Erscheinen war seit der Knallnummer Schluss. Sie nahm sich nochmals die Grundlagen zur Masseberechnung vor und war froh, dass sie von Baldur und Frey nicht mehr beachtet wurde.

  Als Dr. Sabine Berka von der Wirkung ihrer Stimmungspillen heimgesucht wurde, saß sie schon entspannt auf dem schweren Ledersofa in ihrem Büro. Das Telefon funktionierte immer noch nicht und heimgehen kam für sie schon aus zweierlei Gründen nicht infrage:
   Erstens war es die Neugier und die vielen Fragen, die sie ihrem japanischen Kollegen Akira stellen wollte. Und zweitens gingen die Lifte im ESA-Wolkenkratzer immer noch nicht. Sie waren nach dem Auftreffen der Welle abgeschaltet worden, seitdem waren sie immer noch offline.
   Die interne Hauskommunikation funktionierte noch und von der Haussicherheit erfuhr sie, dass es wohl noch Stunden dauern würde, bis die Lifte wieder funktionierten.
   110 Stockwerke in dem engen Stiegenhaus waren für die untrainierte Dr. Berka etwas zu viel der Herausforderung. Also entschloss sie sich, hier auf dem Sofa zu entspannen. Die Pillen gaben ihr die Gedankenfreiheit, um einen klaren Kopf zu bekommen. Sie erinnerte sich noch an die Waldluft, die sie vor vielen Jahren in den österreichischen Bergwäldern genoss, und schlief mit diesem wunderschönen Geruchsanker in ihrer Komfortzone ein.
   Sie bemerkte nicht, dass ihr Telefon wieder grün leuchtete, die Bildschirme wieder angingen und ihr Pager leise summte.